Public Relations Perception Management

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12.03.2018
Bernhard Schmid

Cyborgs in der Giftsuppe

Das beliebte Kofferpackspiel wird von einigen Kindern auch mit einer Giftsuppe anstatt mit dem Koffer gespielt. Die Kinder reichern die Suppe eins nach dem anderen solange mit allen möglichen und unmöglichen Dingen an, bis ein Kind nicht mehr alle Zutaten aufzählen kann. Während diese Giftsuppe so schon mal auf 15 Zutaten und mehr kommt, reichen für die Giftsuppe von Lügen und Empörung im Internet deren sechs: 1. Polarisieren, 2. Diskreditieren, 3. Schüren von Emotionen, 4. Verbreiten von Spekulationen und Verschwörungstheorien, 5. provokatives Stören von Diskussionen (Trolling) und 6. Verschleiern der eigenen Identität. Richtig dosiert, vermögen diese Zutaten Massen zu mobilisieren und die Wahrheit mit Füssen zu treten. Was nach leerer Theorie tönt, kann man online in wenigen Minuten an sich selber ausprobieren. Es ist ein Giftsuppenspiel für Erwachsene, das Wissenschaftler der Universität Cambridge in Kooperation mit Journalisten aus Holland entwickelt haben. Es nennt sich "Bad News" und verlangt nichts weiter als einen Browser und etwas Englischkenntnisse. https://www.getbadnews.com

Spannend sind auch die ersten Ergebnisse einer Studie, über die kürzlich Radio SRF berichtete. Die Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW zeigt auf, wie Gegner und Befürworter der "No Billag"-Initiative mit technischen Hilfsmitteln bei Twitter getrickst haben sollen. Nur 50 von insgesamt 26'000 verschiedenen Usern, die zu "No Billag" getweetet haben, waren für mehr als die Hälfte der rund 200'000 Tweets zum Thema verantwortlich. Bis zu 1'000 Tweets an einem Tag hätten einzelne Nutzer abgesetzt, was nur mit der Unterstützung technischer Hilfsmittel möglich sei, so Stefan Gürtler, Dozent für Kommunikation an der FHNW. Waren uns diese Mittel bisher vor allem aus den Präsidentschaftswahlen in den USA bekannt, sind sie nun wenig erstaunlich auch bei uns in der politischen Meinungsbildung angekommen. Die Studie hat zwar die Inhalte der Tweets nicht weiter untersucht, hält aber fest, dass die schiere Menge dieser Tweets es geschafft habe, andere Inhalte und Nutzer zu verdrängen.

Die Kombination aus so einer künstlich erzeugten Flut von Tweets und der beschriebenen Rezeptur der Internet-Giftsuppe malt ein düsteres Bild der künftigen politischen Meinungsbildung. Gegengift: Ein wacher Geist und ein breiter Medienkonsum über Social Media und Online-Kurzfutter hinaus. 



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