Public Relations Perception Management

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25.11.2016
Michael Mülli

​Zum Bluffen angeleitet

Es ist wie überall im richtigen Leben. Auch auf dem weiten Feld der Berater, das sich auftut zwischen spirituellen Lebensberatern über Anlage-, Immobilien-, Versicherungs- bis hin zu Berufsberatern, gibt es sowohl Seriosität als auch Unvermögen und Scharlatanerie. Ob nun im Seminar, im Verwaltungsratsbüro, im Zug oder auf dem Bauernhof, an jedem Ort versprühen sie maximale Dynamik und hinterlassen häufiger als nie ein Chaos. Daher ist das Image der Berater nicht ungetrübt. Wohl nicht immer zu unrecht, wie das Beispiel weiter unten zeigt.

Die Zahl der Ratsuchenden steigt. Folgerichtig gibt es auch immer mehr Leute, die Coach werden wollen, wie die die Aargauer Zeitung schreibt. Als Coach wollen diese Leute nicht Sportler trainieren, sondern jemanden darin unterstützen, eine schwierige Situation zu meistern oder ein Problem zu lösen: Coaching verstanden als Hilfe zur Selbsthilfe. Der Coach als Fachmann für zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Branche, der fehlende Qualitätskontrolle nachgesagt wird. Wenn sich nämlich jemand eines Morgens dafür entscheidet, von nun an ein Coach zu sein, darf er das tun. Das führt dann zu solchen „Beratungen“, wie mir vor kurzem eine begegnet ist.

Da wurde ich doch tatsächlich über eine ganze Zeitungsseite hinweg darüber beraten, wie ich mich als schlecht vorbereiteter Manager, der von der Sache wenig versteht, in einer Sitzung verhalten soll: Besser, als schweigend meine Ideenlosigkeit bloss zu stellen, sei es – Kompetenz zu simulieren! Die Strategie der Bluffer wurde mir empfohlen, und es wurden mir Methoden erläutert, die helfen, in Konferenzen kompetenter zu wirken, als ich eigentlich bin.

- Mein schreibender Berater macht mir klar: Die zentrale Technik besteht in der Verwirrung der Sitzungskollegen. Er rät mir, unleserlich zu schreiben sowie Grafiken und Diagramme zu präsentieren, die nicht sofort verstanden werden. Auch im Raum herumzugehen gehöre zu dieser Taktik: So signalisiere ich Nachdenken, das vielleicht gar nicht stattfindet. Hauptsache: Ernsthaftigkeit simulieren.

- Ich soll so tun, als ob ich einen Gedanken weiterspinnen würde, indem ich auf einen Satz wie „25 Prozent der Kunden kaufen online“ antworte: „Also einer von vier.“ Welcher Mehrwert!

- Ein alter Trick ist es, beschäftigt zu wirken: Ich soll aus jedem Satz, der vorgetragen wird, ein Wort notieren: Diese Strategie fordere mich, so mein Berater, gedanklich nicht zu sehr heraus. Wie beruhigend!

- Ein weiterer Trick: Zeit schinden. Dies geschieht ganz einfach, indem ich das, was ein Vorredner gesagt hat, wiederhole – aber seeehr laaangsaam. Auch wenn ich keine Ahnung davon habe, trete ich so in einen Dialog, irritiere mein Gegenüber, der wird Ergänzungen liefern. Mit diesem rhetorischen Kniff könne ich Unwissenheit kaschieren und den Ball an das Gegenüber zurückwerfen.

- Und schliesslich das Nonplusultra: „Ist das skalierbar?“, soll ich in die Diskussion einwerfen. Mit diesem Trendbegriff könne ich das Gegenüber überfordern und mich selbst als besorgter und ehrgeiziger Manager positionieren, der sicherstellt, dass das Gespräch am Konferenztisch nicht theoretisches Blabla bleibt.

Zwei Seiten weiter hinten ist zu lesen, dass der Wettbewerb der Online-Beratermarktplätze, Beraterplattformen und Suchmaschinen für Consultants in den nächsten Monaten „in die Gänge“ kommen könnte. Gut, wenn ich Vergleichs- und Wahlmöglichkeiten habe. Denn würde ich mich auf die oben widergegebenen Ratschläge verlassen, hätte ich meinen Job (hoffentlich) schnell verloren. Also Vorsicht vor den Bluffern dieser Welt, den Gauklern, Scharlatanen, Schaumschlägern oder wie man sie sonst noch nennen mag.



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