Public Relations Perception Management

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20.01.2016
Manuel Rotzinger

Datenjournalisten gesucht

Die Auswertung von Datenmaterial und Statistiken ist im Journalismus weiter auf dem Vormarsch. Anfang Woche wurde ein Artikel publiziert, der aufzeigt, dass im Herrentennis auf höchstem Niveau systematisch Wettbetrug begangen wurde. In einer von Buzzfeed und BBC durchgeführten Analyse wurden zwischen 2009 und 2015 rund 26'000 Tennisspiele untersucht. Der zugrundeliegende Algorithmus analysiert die Entwicklung von Wetteinsätzen vor und während Spielen und fand heraus, dass 16 Spieler regelmässig Spiele verloren, in denen Sie klar favorisiert waren und gleichzeitig auffallend stark gegen sie gewettet wurde. Wer genau betroffen ist, wurde nicht kommuniziert; man weiss einzig, dass die Hälfte dieser Spieler an den derzeit stattfindenden Australian Open antreten, und sich Grand-Slam-Gewinner darunter befinden sollen.

Der BBC und Buzzfeed ist damit ein veritabler Coup gelungen, hat sich die Meldung doch wie ein Lauffeuer in den konventionellen wie auch neuen Medien verbreitet. Der zuständige Journalist John Templon hatte sich 15 Monate mit dem Fall auseinandergesetzt.


„I don’t play tennis. I’m a numbers guy.“

Der Erfolg dieser Geschichte und die zunehmende Bedeutung von „Datenjournalisten“ lassen einige Schlüsse zu. Erstens sind diese Geschichten für die Herausgeber wichtig, da sie das Potential zu einer grossen Verbreitung haben, auch über die Landesgrenzen hinaus. Da sich mithilfe der angewandten mathematischen Modelle statistisch signifikante Zusammenhänge herstellen lassen, sind sie einfacher nachzuvollziehen als von Autoren aufgestellte Thesen. Um diese Geschichte zu widerlegen, müsste zuerst jemand ein Modell aufgestellen, das andere Schlüsse zulässt.

Zweitens hat die Auswertung und Darstellung von Daten dank der stetig wachsenden Anzahl verfügbarer Zahlen und Statistiken einen immer grösseren Stellenwert. Viele Medienhäuser sind daran, ganze Fachteams aufzubauen, welche grosse Mengen von Daten auswerten, diese grafisch aufbereiten und Geschichten dazu entwickeln können. Durch diese Entwicklung haben Datenjournalisten unter den Medienschaffenden stark an Bedeutung gewonnen. Diejenigen Personen, die solche Datenmengen zu analysieren imstande sind, haben – wie Templon – meistens eine Ausbildung im Bereich Computer Science oder Programmieren absolviert. Doch wie können geeignete Informatiker dazu gebracht werden, in die Medienbranche zu wechseln? Dazu müssten Medienhäuser imstande sein, Informatikern attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten, und weiter sollte ihnen für die Arbeit genügend Zeit und Freiheiten gewährt werden. Ob allerdings Medienhäuser Informatikern innerhalb der Redaktion Privilegien einräumen und Topinformatiker so angezogen werden können, ist zumindest fraglich.

Es dürfte allerdings eine Frage der Zeit sein, bis Informatiker einen integralen Bestandteil der Redaktionen darstellen. Diese sollten damit beginnen, Informatiker früh – gleich nach der Lehre oder dem Studium – anzustellen und im Redaktionsalltag zu integrieren. In der Schweiz dürfte das zwar noch ein paar Jahre dauern, aber besser spät als nie! 



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