Public Relations Perception Management

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31.07.2015
Bernhard Schmid

Auf der Jagd nach dem nächsten Shitstorm

Die Empörung in den sozialen Medien war gross, als diese Woche die Meldung auftauchte, dass ein Amerikanischer Zahnarzt und Hobbyjäger in Simbabwe einen als Touristenattraktion bekannten Löwen erlegt habe. Der Pfeil aus dem Köcher des Jägers setzte dem Löwen nur unmerklich mehr zu als der darauf folgende Shitstorm dem Jäger. Warum diese Empörung, und wozu?

Fakt ist laut diversen Medienberichten, dass der Löwe zum Abschuss illegal aus einem Nationalpark gelockt worden sei. Fakt ist aber auch, dass die Grosswildjagd in Grenzen erlaubt und ein einträgliches Geschäft ist. Dass der Abschuss des Löwen keine Randnotiz blieb, sondern vielmehr Demonstrationen und ein internationales Echo auslöste, hat mehrere Gründe:

  • 1.Der Löwe war kein x-beliebiges Exemplar, das schlimmstenfalls mit einer Attacke auf ein Safari-Jeep auf sich aufmerksam gemacht hätte, es war ein bekannter Löwe. Ähnlich also, wie eine Autopanne von Catherine Zeta-Jones halt einfach mehr Interesse weckt, als die des Nachbarn um die Ecke.
  • 2.Der Löwe wurde nicht einfach erschossen, sondern mit einem Armbrustpfeil verletzt, dann offenbar gesucht, gehetzt und nach über 40 Stunden mit einem Gnadenschuss zur Strecke gebracht. Dieses archaische Jägerverhalten liegt ausserhalb der gängigen moralischen Normen unseres Kulturverständnisses.
  • 3.Die Grosswildjagd liegt ausserhalb der finanziellen Möglichkeiten des Durschnitts. Ein willkommener Zwischenfall also, um klarzustellen, dass sich reiche Leute vor dem Gesetz nicht mehr erlauben können als die anderen, gerade weil der Neid den Verdacht auf das Gegenteil immer wieder nährt.
  • 4.Verstärkend wirken die Bilder von Abneigung und Mitleid: Das übertrieben schillernde Weiss der lächelnden Zahnreihe des Zahnarztes kontrastiert mit dem toten Löwen, der auf einem anderen Bild als Jagdtrophäe mit geschlossenen Augen daliegt.
  • 5.Das Problem ist überschaubar und damit für alle fassbar. Jeder kann mitreden, und die Positionen von Gut und Böse sind sehr einfach abzustecken. Plus: Das Ereignis ist abgesehen von der Empörungsbewirtschaftung abgeschlossen. Man kann sich also während ein paar Tagen darüber echauffieren und dann wieder zum Alltag übergehen.

Bleibt die Frage, wozu die grosse Aufmerksamkeit in diesem Fall dient. Wünschbar wäre ja, dass die Anteilnahme der Tausenden von Menschen – ganz nach dem Konzept der Schwarmintelligenz – eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema zur Folge hat, die sichtbare Verbesserungen in welche Richtung auch immer bringt. Da differenzierte Kommentare aber von der emotionalen Lawine an Posts und Tweets erdrückt werden, bleibt die kollektive Empörung eine Befriedigung des eigenen Unterhaltungsanspruchs. Das braucht man nicht zu qualifizieren. Das Entertainment ist einfach ein wesentlicher Aspekt der sozialen Medien. Und nicht zuletzt deshalb taucht auch immer wieder ein nächster Shitstorm auf.



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