Public Relations Perception Management

GE  |  EN
{alt_title}

22.03.2017
Michael Mülli

Ein Hoch auf das Post-Postfaktische

Ganz im Sinne sich immer rascher ablösender Entwicklungszyklen ist es höchste Zeit sich anstatt dem bereits schon abgedroschenen postfaktischen Zeitalter dem post-postfaktischen zuzuwenden. Der Frage also: Wie lange sind uns eigentlich die Fakten noch egal? Die Antwort ist so banal wie erfreulich: Das Faktische macht bereits wieder Terrain gut.

Zwei Professoren an der University of Washington in Seattle haben genug von alternativen Fakten und bieten einen Lehrgang an, in dem sie ihren Studenten beibringen wollen, wie sich Schwachsinn durchschauen lässt (NZZ am Sonntag). Auch die New York Times, wie andere renommierte Medien von US-Präsident Donald Trump der Produktion von Fake News bezichtigt, hat den Kampf um die Wahrheit aufgenommen: Sie nutzte im Umfeld der Oscar-Verleihung den exklusiven Sendeplatz, um mit einem 30-Sekunden-TV-Spot eine Kampagne zu starten. Ihre Botschaft: „Die Wahrheit ist wichtiger als je zuvor.“ Diejenigen, die dem süssen Gift der Halbwahrheiten nicht erlegen sind, müssen sich Gehör verschaffen. Denkende Bürger und unabhängige Medien könnten in Zeiten, in denen die Grenzen zwischen Propaganda und Nachrichten verwischen, den Weg zurück zu einer Kultur allgemein akzeptierter Fakten weisen.

Das ist ein ständiges Ringen, denn die Fakten liegen nicht auf der Strasse. Und die Fakten sind nie die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist ein Ideal, zeitlos, ein über die Wirklichkeit hinausreichender Sinn (Platon). Das wirkliche Leben seinerseits besteht nicht aus Fakten, sondern aus Sichtweisen und Standpunkten, die sich nicht selten sogar widersprechen. Gerade Politiker, die sich vorgenommen haben die Welt zu verändern, lassen sich nicht gerne vorschreiben, an welche Art von Wirklichkeit sie sich zu halten haben. Deshalb ist es entscheidend, dass wir uns an verschiedenen Quellen unterschiedlichen Couleurs orientieren können, um über die individuelle Filterblase hinaus die verschiedenen Sichtweisen einzuordnen. Wie will man Ordnung schaffen bei dieser Informationsflut? Wie will man die Informationen überprüfen? Es bedarf dazu kuratierter Medien, die uns helfen herauszubekommen, welche Standpunkte Sinn machen und welche nicht.

Und tatsächlich: Kritischer Journalismus scheint ein Comeback zu erleben: Im Februar ist die Leserzahl der New York Times – gedruckt und digital – erstmals über 3 Millionen gestiegen. Allein im vierten Quartal 2016 hat sie fast 276’000 Digitalabonnements verkauft, mehr als 2013 und 2014 zusammen. Insgesamt hat die Zahl der Online-Abonnenten vergangenes Jahr um rund 50 % auf 1,9 Millionen zugenommen (Finanz und Wirtschaft: Bastionen gegen Fake News). Und der Aktienkurs ist seit der Präsidentschaftswahl mehr als dreieinhalb Dollar auf aktuell über 14 Dollar gestiegen (Höchststand: 13. Februar 2017: 16,25 Dollar).

Da darf man doch hoffen, dass der ganze Hype um Fake News und Postfaktisches letztlich die traditionellen Medien stärken wird und sie als erste Gewinner aus der Trump’schen Episode hervorgehen werden. Ein Verschwörungstheoretiker würde jetzt wohl behaupten, dass dieser Hype von ebendiesen Medien inszeniert wurde, um die eigene Glaubwürdigkeit und damit die eigenen Auflagezahlen zu stärken.



Kommentare